Dorrit Maria Hanke
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        Aus ihrem Buch „Wenn Bach pausiert...“,
        biographische Gedanken und Gefühle

 

Gedanken über meine Krankheit und mich

 

Wäre ich früher zum Arzt gegangen, könnte ich jetzt gesund sein.

Stattdessen liege ich seit drei Jahren in einem Pflegebett und mein Leben ist glücklich wie nie zuvor.

Brustkrebs, beidseitig, mit Fernmetastasen in Leber, Lunge und Knochen wurde diagnostiziert. Inoperabel.

Statistische Lebenserwartung ohne Chemo einige Wochen, mit Chemotherapie ein Jahr, was ich erst viel später erfuhr.

Das war im März 2014.

 

In den Jahren, in denen sich der  Krebs bei mir  entwickelte, verspürte ich keine Angst vor dem Tod.

Zu groß war die Furcht, nicht mehr Klavierspielen zu können.

Durch die Entfernung der Lymphknoten, bangte ich, würden meine Arme permanent geschwollen sein und zu sehr schmerzen.

Die Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach war mir zu wichtig. Ich wollte sie unbedingt beenden, bevor ich sterben sollte.

 

Ins Krankenhaus ging ich deshalb erst, als die Rückenschmerzen so unerträglich wurden, dass ich ohne Morphium nicht mehr auskommen konnte.

Als mir der leitende Onkologe jedoch eröffnete, dass ich mit einer Chemotherapie noch eine gute Chance hätte, weiterzuleben und vielleicht sogar wieder Klavier spielen zu können, erwischte mich mit voller Wucht die Angst.

Plötzlich hatte ich wieder etwas zu verlieren, wo ich doch in den vergangenen Jahren bereits mit dem Leben abgeschlossen hatte.

Je mehr Hoffnung in mir wuchs, desto stärker wurde die Angst, bis sie in Panikattacken gipfelte.

 

Ich  fühlte mich sehr einsam im Krankenhaus, in dem ich einige Wochen zubringen sollte.

Abgesehen von Übelkeit mit Erbrechen und Schmerzen bekam ich nachts Atemnot vor Angst.

Doch gerade in dieser Zeit erfuhr ich, was Freundschaft ist.

Meine beste Freundin aus Deutschland besuchte mich, obwohl selbst schwer krank, einige Tage.

Schulfreundinnen, die ich zum Teil Jahrzehnte nicht mehr gesehen hatte, erschienen und spendeten mir Trost. Verwandte eilten an mein Krankenbett, um mir ein Lächeln zu entringen.

Vermittelt von der Krankenhausseelsorgerin besuchte mich, als ich sehr unsicher war, ein charismatischer Pfarrer, der mir die Beichte abnahm und meine Zweifel verfliegen ließ.

Eine großer Segen der Menschheit sind Palliativteams.

Das Team des Spitals stellte sich mir bald vor, ich konnte mich täglich aussprechen. Die kompetente Ärztin dieses Teams vertraute mich einer Schmerzpumpe an, durch die ich nach und nach schmerzfrei wurde, nachdem diese gut eingestellt worden war.

 

Die entscheidende Wende zum Guten bewirkte mein Liebster, der mich noch während meiner Chemotherapie heiratete.

Eine Palliativschwester sprach bei den Behörden vor, damit wir uns baldigst das Ja-Wort geben konnten. Schließlich wusste ja keiner, ob ich nicht demnächst sterben sollte.

 

Übrigens werde ich auch jetzt noch regelmäßig einmal pro Woche vom Palliativteam besucht, um die Schmerzpumpe zu füllen und zu sehen, ob es mir auch gut geht.

Ja, und seit zwei Jahren besucht mich alle vierzehn Tage die sympathische Psychologin des mobilen Hospizes. Sie begleitet mich durch die Krankheit.

Besonders freue ich mich über eine freiwillige Mitarbeiterin dieses Hospizes, die wöchentlich zu mir kommt und mir selbstgebackenen Apfelkuchen bringt. Dieses Gebäck ist das einzige Essen, das ich zu mir nehmen kann. Sonst ernähre ich mich nur von „Astronautennahrung“ und hin und wieder einem Joghurt.

Seit der Chemo kann ich sonst keine Speisen bei mir behalten.

Mit dieser Frau verbindet mich bereits eine liebe Freundschaft. Ich unterhalte mich sehr gerne mit ihr. Manchmal zeigt sie mir Fotos von Ausflügen oder sie erzählt mir von den Tieren auf ihrem Hof.

 

Ich fühle mich wie eine Made im Speck. Gut, das Morphium macht mich müde und meine Konzentration ist nicht die beste. Diese Nebenwirkungen nehme ich jedoch gerne in kauf, um endlich von den Schmerzen befreit zu sein.

 

Mein Sohn, mein Augenstern, ruft mich beinahe täglich an um zu hören, wie es mir geht und um mir von seiner Musik zu erzählen. Ich war Pianistin, er ist Komponist und Dirigent. Da ist es natürlich spannend, Neuigkeiten von ihm zu erfahren und mich musikalisch auszutauschen.

 

2013, kurz nach dem Tode meines Vaters, den ich das letzte halbe Jahr pflegte, zogen wir in dieses Haus, unsere Burg.

 

In diesem aufgestockten Kleinhäuslerhof bin ich geborgen. Das Wohnzimmer, in dem ich liege, ist begrenzt von Küche und Schlafzimmer meines Mannes. So kann er immer um mich sein, um mich im Vorbeigehen zu streicheln oder zu küssen. Eigentlich wollte ich zum Sterben in ein Hospiz. Ich hatte jedoch nicht mit der starken Treue meines Liebsten gerechnet, der nicht nur bei mir bleiben wollte und mich heiratete, sondern auch meine Pflege übernahm, so sehr ich ihm zuredete, wenigstens den mobilen Hilfsdienst in Anspruch zu nehmen, um ihn zu entlasten.

 

Es ist sehr ruhig hier. Ein paar Autos fahren täglich vor meinem Fenster vorbei. Hin und wieder höre ich das Geschnatter der Gänse, die ihren Spaziergang rund um das Haus machen.

 

Musste ich erst so krank werden, um die Kleinigkeiten des Lebens schätzen zu lernen? Vorher gab es nur meinen Geliebten und die Musik für mich. Diese habe ich jetzt auch immer im Kopf, wenn ich ruhe, rede und auch jetzt, beim Schreiben.

 

Oft muss ich lange Pausen einlegen, in denen ich den ganzen Tag schlafe, weil die Niederschrift so anstrengend für mich ist. Doch lässt mich die Tatsache, dass ich dem Arbeitsalltag so fern bin, meinem Gott innig nahe sein. Lange Gebete kann ich nicht mehr denken, da schliefe ich vorher ein.

Meist bleibt mir nur übrig „bitte Gott hilf“, oder „danke Gott für alles“ zu sagen, in der Gewissheit, dass Er alles andere, um das ich noch bitte, selbst weiß. Dabei fühle ich mich geborgen wie ein kleines Kind bei seiner Mutter.

 

Alle drei Monate werden die Tumormarker überprüft. Seit der Chemo nehme ich täglich Hormone zu mir, die den Krebs still halten sollen. Bisher hatte ich Glück, die Tumorwerte liegen im Normalbereich. Trotzdem ist es immer wieder ein Bangen um meine „Gesundheit“, obwohl meine Krankheit sowieso unheilbar ist. Oft denke ich an den Onkologen, welcher mich therapierte. Mit seinem Wissen, seiner Erfahrung und seinem Engagement hat er mich vor dem baldigen Tod bewahrt.

 

1999 kam ich mit meinem Sohn nach Österreich, um meinen Freund der Kindheit wieder zu sehen.

Verliebt war ich in ihn, seit ich ihn im Babyalter kennengelernt hatte. Meiner Mutter habe ich mit vier Jahren eröffnet, ihn zu heiraten, wenn ich groß sei. Durch den Umzug meiner Familie nach Deutschland jedoch trennten sich unsere Wege.

Irgendwie hatte ich plötzlich, ohne dass ich wusste warum, das Gefühl „jetzt darf ich“, als ich zu ihm fuhr. Ihm schien es genauso zu gehen und bei einem Waldspaziergang trafen sich unsere Lippen zum ersten Kuss. Beide waren wir inzwischen verheiratet. Wir spürten bald, dass wir unserem Schicksal nicht entrinnen konnten und zogen zusammen.  Ich ließ mich scheiden, er nicht, was mich traurig machte. Ich musste wohl erst krank werden, bis er sich besann und eine Blitzscheidung einleitete. Zum Glück war seine Frau gleich einverstanden. Die beiden lebten sowieso schon lange Jahre getrennt.

Die Hochzeit feierten wir zwischen zwei Chemos zu Hause. Ich hatte keine Haare und musste mich übergeben. Ein sympathischer Standesbeamter kam zu uns nach Hause und traute uns im Beisein meines Sohnes. Das war wohl einer der schönsten Tage meines Lebens. Seitdem wächst unsere Liebe täglich mehr und mehr.

 

Ich frage mich öfter, woran es liegt, dass ich trotz der schweren Krankheit und des langen Liegens so ausgeglichen bin.

Vielleicht bin ich ja nur extrem faul, würde ich denken, wenn mich nicht meine Vergangenheit eines Besseren belehren würde. Oder es liegt daran, dass ich ein besonders stabiler Mensch bin. Auch das glaube ich nicht. Wie jeder Mensch habe auch ich Höhen und Tiefen und trug schon  mehrere Krisen mit mir aus. Ich kann es mir nur damit erklären, dass Gott mir diese Gnade jetzt einfach schenkt, ohne ein besonderes Zutun von mir.

Sicher schenkte Er mir die Gabe, Hilfe anzunehmen, die ich bis zur Chemo nicht in großem Maße hatte. Es bleibt mir nur, mich immer wieder zu bedanken.

 

Als kleines Kind schaukelte ich im Garten oder streichelte die Blätter, während ich für Gott sang. Ein unsagbar melancholisches Gefühl bemächtigte sich stets meiner. Auch das Klavierspiel, welches ich bald erlernte, war ein Lob Gottes und blieb es auch bis zur Chemo, als ich wegen meiner Rückenschmerzen nicht mehr musizieren konnte. Für die Werke, die ich einstudierte, brauchte ich manchmal mehrere Jahre. So zum Beispiel für die Goldberg-Variationen und die Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach. Dabei entbehrte es mir an Ehrgeiz, die Stücke vor Publikum hören zu lassen. Außer  ein paar Konzerten überließ ich es lieber dem Unterrichten, für meinen Lebensunterhalt zu sorgen.

 

Bei dieser Gelegenheit bekam ich zufällig Bekanntschaft eines Autisten.

Er war siebzehn Jahre alt und seine Diagnose, die ich selbst von der Mutter zu sehen  bekam, lautete auf frühkindlichen Autismus.

Die Mutter war alleinstehend und sehr besorgt um ihn.

 

Täglich machte sie Schreibübungen mit ihm. Sie zeigte mir die Versuche ihres Sohnes.

Kreuz und quer stand auf den Blättern immer wieder sein Name in Großbuchstaben geschrieben. Das war das Einzige, was er verbrachte. An Rechnen war überhaupt nicht zu denken. Früher hatte er eine Sonderschule besucht, die ihn jedoch bald als nicht lernfähig entlassen hatte. Seitdem war er ausschließlich auf die Hilfe seiner Mutter angewiesen, an der er sehr hing. Das Klavierspiel interessierte ihn nicht besonders und so versuchte ich intuitiv, ihn mit anderen Mitteln zu locken. Ich zeigte ihm ein Englischbuch der ersten Gymnasialklasse, las ihm vor, ließ ihn nachlesen und nach meiner Hilfe mündlich allein übersetzen.

Zu meinem größten Erstaunen schaffte er es, zwei Lektionen in einer Stunde zu meistern. Dabei glühten ihm die Backen vor lauter Eifer und Freude. Diese Sitzung hielt ich mit dem Burschen nach erstmaligem Protest der Mutter alleine. „So, “ meinte ich danach, „jetzt werden wir Deiner Mutter zeigen, was Du alles kannst!“

Sofort verschloss er sich blitzartig und stammelte, auf gar keinen Fall dürfe die Mutter davon wissen. Weder bekam ich den Grund dafür heraus, noch konnte ich ihn umstimmen. Als wir wieder in die Küche gingen, wo seine Mutter wartete, war er wieder der „dumme“ Junge, der sich kaum verbal auszudrücken vermochte.

Anzumerken ist, wie ich mich gerade auf ein solch anspruchsvolles Experiment einließ: Kurz davor wurde ich im Kindergarten, den mein eigener Sohn gerade besuchte, auf seine Verhaltensstörung aufmerksam gemacht. Die Kindergärtnerinnen vermuteten, mein Kind sei überfordert und schalteten eine Psychologin ein, welche ihn vormittags beobachtete. Sie regte an, in ihrem Büro einen Intelligenztest zu machen. Dabei stellte sich heraus, dass mein Sohn nicht zurückgeblieben, sondern hochbegabt ist. Über- und Unterforderung haben demnach gleiche Symptome.

Da ich gerade Literatur über und von Autisten und dann anlässlich dieses Tests auch Bücher über Hochbegabung las, fielen mir die oft gleichen Kindheitsgeschichten beider Gruppen auf. Später hatte ich noch intensiven Kontakt mit autistischen Menschen und dabei merkte ich, dass sie sich wie Hochbegabte verhielten, wenn ich sie wie solche behandelte. Wurden sie jedoch als behindert gesehen, waren sie behindert. Besonders die Eingangsfrage, was sie besonders interessierte, ließ sie aufblühen und sie blubberten förmlich los.

 

Ich glaube, die Forschung hat auf diesem Gebiet noch lange nicht alles erkundet.

Einen jungen Mann lockte ich zum Beispiel nach Angabe einer befreundeten Psychologin alleine von Deutschland nach Österreich zu mir, nachdem ich ihm drei anonyme Briefe geschickt hatte.

Autisten bzw. Hochbegabte sind herrlich neugierig. Vorher hatte er zwei Jahre lang sein Zimmer nicht verlassen. Die Eltern, mit denen ich bald intensiven Kontakt hatte, zeigten mir die Diagnose eines Psychiaters: Asperger Syndrom.

Als er zu mir kam, redete der junge Mann kaum und schaute mich nicht an. Nach vierzehn Tagen intensiver Betreuung waren wir dicke Freunde. Er sprach deutlich, drückte seine Gefühle und Gedanken sehr gut aus und wir lachten viel und oft. Nachdem er wieder nach Hause gekehrt war, machte er seine Matura nach, um dann Optik zu studieren.

Sogenannte Autisten sind so wahrhaftig, dass sie mich immer wieder innig berühren. Der junge Mann, von dem ich erzähle, besuchte mich auch später noch gerne, um seine Ferien bei mir zu verbringen. Übrigens verstand er sich bestens mit meinem Sohn.

 

Warum machte gerade ich solche Erfahrungen mit Autisten?

Vielleicht, weil ich immer die Stärken und Freuden in den Menschen suche, ob sie als behindert gelten oder sonst als krank.

Wahrscheinlich kann ich deshalb auch in meiner eigenen Krankheit so froh und glücklich sein. Ich bin halt ein „hoffnungsloser“ Optimist!

 

Heute hatte ich wieder, wie alle zwei Wochen, Besuch von meiner Fußreflexzonenmasseurin.

Ich werde wohl nie begreifen, wie ihre Behandlung jedes Mal so phänomenal gut wirken kann. Ob ich eine Blasenentzündung habe oder wenn mein rechter Arm, der durch vom Tumor befallene Lymphknoten angeschwollen ist, mir Probleme bereitet; immer kann die Therapeutin mein Leiden stark lindern. Oft spüre ich sogar, wo sie in meinem Körper gerade wirkt, wenn sie meine Füße massiert. Das kann man wohl nur vollbringen, wenn man so achtsam ist wie diese Frau. Sie kam auf Anraten der Ärztin des Palliativteams, welche sich vor Ideen nur so überschlägt, wie sie ihren Patienten die Krankheit erleichtern kann. Dabei bleibt sie nicht auf das Körperliche beschränkt. Die Ganzheit des Menschen ist für sie eine Selbstverständlichkeit.

 

Wissenschaftler forschen über den Zusammenhang von Psyche und Krebs.

Zwei Jahre bevor ich vom Tumor an meiner rechten Brust befallen wurde, wuchs in der linken innerhalb einiger Wochen ein walnussgroßer Knoten. Während einer Meditation riet mir meine innere Stimme, eine Zugsalbe mit Kampfer darauf zu reiben. In der Apotheke ließ ich mir so ein Medikament zubereiten und nach vier Wochen war der Tumor weg. Ob er gut- oder bösartig war, werde ich nie erfahren.

 

Als sich nach einiger Zeit die Brustwarze der rechten Brust einzog, wusste ich intuitiv, dass ich diese Krankheit nicht mit Hausmitteln bezwingen konnte. Ich hatte jedoch die innere Gewissheit, noch mehrere Jahre zu leben.

Da meiner Mutter und auch einer Freundin, als sie an Brustkrebs erkrankten, die Lymphknoten entfernt wurden, was zu Folge hatte, dass beide wegen der Schmerzen und der Anstrengung den Arm nicht mehr belasten konnten, nahm ich mir vor, meine Zeit, die ich noch zu leben hatte, zu nutzen.

Ich wollte nicht leben und nicht mehr Klavierspielen können.

Stattdessen war es mir vergönnt, noch sechs Jahre ohne starke Schmerzmittel zu musizieren und die Kunst der Fuge fertig zu bringen. Nur schade, dass ich von den Goldberg-Variationen wie auch von der Kunst der Fuge nur eine Demo-Aufnahme besitze, die ich mir jetzt noch gerne anhöre.

 

 

Ob im Leben zwei Menschen schicksalhaft füreinander bestimmt sind und jeder einen Lebenspartner hat?

Mein geliebter Mann und ich sind es zweifellos, davon bin ich überzeugt. Unsere Wege kreuzten sich das erste Mal, als er dreizehn Jahre und ich drei Monate alt waren. Er war mit seinem Vater zu Besuch bei uns. Noch genau erinnere ich mich, wie er sich mir näherte und mich so etwas wie ein Blitz durchfuhr: „Da ist er ja endlich!“ Es war, als ob die Sonne aufging.

Als er mich sah, konnte der Junge nicht anders, als mich innerlich voller Inbrunst zu bitten, ich solle ihn mein ganzes Leben lang lieben, wie er mir viel später, ohne meine damaligen Gefühle zu kennen, erzählte.

Jedes Mal, wenn wir einander  alle paar Jahre wiedersahen, hatten wir nur Augen für einander.

Erst 1999, im Jahr der Sonnenfinsternis, fanden wir den Weg, um zusammen zu kommen.

 

Noch eine Krankheit quälte mich, welche ganz sicher zumindest ein psychisches Ende hatte.

Seit etwa 2004 merkte ich immer mehr, dass mich Konzentrationsschwächen befielen, wobei mir manchmal förmlich schwarz vor Augen wurde.

Mittels Eigenbeobachtung nahm ich wahr, dass mich diese Störungen immer dann heimsuchten, nachdem ich Zucker gegessen hatte. Auf Besuch wirkte ich schon richtig unhöflich, so wenig konnte ich im Gespräch auf meine Freundin eingehen.

Irgendwann war es mir zu bunt und ich ließ bei meiner Hausärztin einen Zuckertest machen.

Die Wirkung war fatal.

Statt dass sich der Blutzucker nach Gabe einer Zuckerflüssigkeit erhöhte, fiel er abgrundtief. Minuten später war ich nahe der Bewusstlosigkeit. Die Ärztin diagnostizierte eine Zuckerunverträglichkeit und riet mir, an mir selbst zu experimentieren, auf welche Lebensmittel ich noch ähnlich reagiere, um diese zu vermeiden. Ansonsten sei nicht viel zu machen.

Indes merkte ich bald, dass sich mein Gesundheitszustand auch bei sonstigen Kohlehydraten verschlimmerte.  Nach einiger Zeit konnte ich nur mehr einen Becher Topfen pro Tag mit Öl wegen der Kalorien und Süßstoff zu mir nehmen. Durch die Unterversorgung des Gehirns war ich unfähig, mich mit geistigen und körperlichen Tätigkeiten zu beschäftigen.  Ich dümpelte regelrecht vor mich hin. Selbst das Klavierspiel war nur sehr eingeschränkt möglich.

So vergingen etwa drei Jahre, in denen ich viel betete und Gott um Hilfe bat.

Zum Schluss war ich bereits so geschwächt, dass ich nur noch alle zehn bis vierzehn Tage Stuhlgang hatte.

Ich fühlte mich regelrecht vergiftet.

Es war abzusehen, dass ich in naher Zeit nicht einmal mehr die paar Kohlehydrate im Topfen vertragen würde. Das wäre wohl das Ende gewesen.

In  meiner Verzweiflung packte mich eines Abends auch die Wut und ich schrie Gott an, er solle mich doch sterben lassen, wenn er wolle, ich könne jedenfalls nicht mehr weiter und es sei mir auch egal.

Dann begab ich mich in die Küche, nahm eine Handvoll Cornflakes, aß sie und wartete fatalistisch auf mein Ende. Mein Liebster schlief schon.

Nichts geschah.

Auch nach einer Stunde rutschte der Blutzucker nicht wie sonst ins Bodenlose.

Ungläubig ging ich zu Bett.

Am nächsten Morgen aß ich ein kleines Stück Brot, welches mir ebenfalls gut bekam.

Ich war tatsächlich spontan geheilt.

Ich war und bin mir sicher, dass Gott mich gesund machte. Ob Er nun außen oder in mir drinnen weilt, ist mir egal. Hauptsache, es gibt ihn.

 

 

Mit vierzehn Jahren gipfelte eine Krise nach einer Vergewaltigung im Versagen in Schule und Konservatorium, wo ich als Jungstudentin Klavier lernte. Schulabschluss und Studium bewältigte ich erst im zweiten Bildungsweg.

In meiner Lage aussichtslos, unternahm ich einen Selbstmordversuch. Statt die Schule zu besuchen, fuhr ich mit dem Bus zu einem verlassenen Aussichtsturm, wo ich mich mit von zu Hause mitgebrachten Medikamenten vergiften wollte. Zufällig wurde ich von meinem damaligen Freund gefunden.

 

Seitdem ich jetzt bettlägerig bin, fühle ich mich behütet und geborgen. Dazu trägt zu einem großen Teil auch mein Mann bei, der mich liebevoll pflegt und ein sehr ausgeglichener und lebensfroher Mensch ist.

Nach dem Waschen gibt es jedes Mal eine „Zirkusvorstellung“, in der in hohem Bogen Waschlappen, Handtücher und Nachthemden ins Bad geschleudert werden. Eine imaginäre Rosen- und Popcorngabe schließen das Programm ab. Überhaupt lachen wir oft und gerne.

 

Manchmal überlege ich wie es wohl wäre, wenn ich all meine Schwangerschaften ausgetragen hätte.

Ich könnte Mutter von vier Kindern statt  von einem sein.

Das erste Mal wurde ich trotz regelmäßiger Einnahme der Pille mit fünfzehn Jahren schwanger. Meine Eltern bestimmten sofort, das Kind solle abgetrieben werden. In meinem damaligen kindlichen Zustand konnte ich dem nichts entgegensetzen. Nach dem Eingriff kamen mir monatelang, jedes Mal wenn ich eine Mutter mit ihrem Baby sah, die Tränen.

Als ich schon verheiratet war, mein damaliger Mann und ich wünschten uns ein Kind, hatte ich wegen der jahrelangen chronischen Eierstockentzündung als Nachwirkung der Vergewaltigung zwei Fehlgeburten. Erst das dritte Mal gelang es, mein Kind unter langem Liegen während der Schwangerschaft zur Welt zu bringen.

Welche Persönlichkeit die gestorbenen Menschen wohl hätten und wie sie aussehen würden; eine müßige Frage.

 

Soeben verließ mich eine Palliativschwester, welche gekommen war, die Schmerzpumpe neu zu befüllen. Nachdem dies geschehen war, unterhielten wir uns noch etwa eine Stunde überaus angeregt. Schön, liebe Menschen um sich zu haben.

Zwei Schwestern sind jeweils für einen Patienten als Begleitpersonen eingeteilt. Sie achten auf das körperliche und seelische Wohlergehen des Kranken. Auch mit Tipps für die Bewältigung des Alltags helfen sie gerne aus. Ich habe meine beiden Schwestern und auch deren Vertretungen sehr lieb gewonnen.

Sie halfen mir mit Rat und Tat über die schwere Chemo hinweg, spenden mir Trost und heitern mich auf. Ihre Fürsorge kennt kaum Grenzen.

 

Am schwersten ist es, über die intimen Dinge zu erzählen. Mein persönlichster Gegenstand ist zweifellos die Musik.

Sie ist für mich wichtig, aber auch selbstverständlich wie die Luft zum Atmen.

Schon als Kind dachte ich polyphon. In meinem Gehirn spielten sich Gedanken, Gespräche und mehrstimmige Musik gleichzeitig ab. Im Volksschulalter brachte ich mir aus Langeweile parallel Pfeifen und Singen bei. Ich dachte mir dabei gerne nette Begleitungen zu bekannten Melodien aus. Manchmal vertonte ich auch im Kopf mehrstimmig Gedichte, zum Beispiel von Heinrich Heine. Deshalb ist Johann Sebastian Bach auch mein Lieblingskomponist. Die Polyphonie seiner Musik regt mich ungemein an. Ich bin sicher, dass bestimmte Stücke von ihm die Neuronen des Menschen verknüpfen. Wenn ich dürfte, würde ich Autisten mit Bachs Musik behandeln, damit sie ihr Potential besser nutzen können.

Im Gegensatz dazu wird ihnen erfahrungsgemäß ja eher einfache Musik vorgesetzt, die vielleicht beruhigt, jedoch nicht zur Besserung beiträgt.

 

Wahrscheinlich ist es gar nicht so eigenartig, dass ich das Klavierspiel nicht in dem Maße vermisse, wie ich es erwartet habe. Die Musik bewegt sich schließlich immer noch wie vorher in meinem Kopf, auch wenn ich den Stimmen keinen Ausdruck mehr verleihen kann.

 

Als Komponistin bin ich Autodidaktin, auch in meinen eigenen Werken steht die Polyphonie im Vordergrund.

Auch das Kreieren von Musik ist mir leider außerhalb meines Gehirns nicht mehr gegeben, weil es meine körperliche Verfassung nicht zulässt.

 

Ich schreibe deshalb meine Gedanken und Gefühle nieder, um eine Alternativbeschäftigung zu haben. Um aufzugeben, bin ich zu lebensbejahend. Ich will weder meinem Mann noch meinem Sohn das Leben durch Hadern und schlechte Laune erschweren.

Ich finde, es gehört zu meiner persönlichen Verantwortung, etwas Sinnvolles mit mir anzufangen, abgesehen davon, dass ich immer schon eine neugierige Zeitgenossin war, die stets die Herausforderung suchte.

 

Wie viele Male ich wohl noch untersucht werde, bis der Krebs wieder aktiv wird, kann ich nicht wissen. Ziemlich sicher ist jedoch, dass ich früher oder später daran sterben werde. Bis dahin hoffe ich bei klarem Verstand zu sein, obwohl es bestimmt auch nicht schlimm wäre, wenn nicht, da ich es doch kaum merken würde.

Hauptsache, Gott bleibt bei mir und dies ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

 

Nach unserm Tod werden mein Mann und ich als

tanzende Augen im Weltall umschlungen sein, davon sind wir beide überzeugt.

Was soll uns denn da noch passieren?

 

Nachtrag von Wolfgang Wallner-F.:

Ich durfte zu Dorrits Buch noch folgenden Zusatz schreiben:

Dorrit

„ … eine einfache Schilderung, wie ich Dorrit kennen lernte und das zu einer beispiellosen Liebesgeschichte führte.

Ausschmückungen und Details hebe ich mir wahrscheinlich für einen größeren Roman auf. …

 

Länger her, 1961, Dezember.

Mein Onkel, der Maler Franz Wallner, kaufte einige Zeit vorher eine Jugendstilvilla in Niederösterreich.

Er war damals Grafiker in Dänemark, der meistgefragte im Norden.

Dementsprechend auch bezahlt.

Seine Frau Eleonore empfing drei Monate vorher ihr zweites Kind, ein Mädchen, Dorrit Maria.

Das erste Kind, Arthur war 4 Jahre zuvor, ebenso wie Dorrit jetzt, in Kopenhagen auf die Welt gekommen.

Meine Kremser Großmutter väterlicherseits sagte voraus, dass es ein Mädchen werden wird, erlebte selbst die Geburt aber nicht mehr.

 

Dorrit war also drei Monate alt, als die Familie zu einigen Erledigungen in die Villa kam.

Eine gute Gelegenheit für meinen Vater, dem Bruder von Franz Wallner, die Villa und die Verwandten wieder zu sehen.

Ich war dreizehn Jahre alt.

Ich kam in das untere Erkerzimmer, war alleine.

Da lag gegenüber der Türe Dorrit in einem Bettchen.

Sie sah mich an und ich war total betroffen von diesem Kind, von diesem Blick.

Ich sah sie lange an und wünschte mir im Stillen, sie möge mich das ganze Leben lang lieben.

Ein Wunsch, den ich für mich behielt, der mir aber immer unvergessen blieb.

 

Ich traf sie nicht sehr oft im Leben, aber wenn wir einander begegneten, funkte es in Form von Tage andauernden Gesprächen, mehr war nicht.

 

Sie zog nach Deutschland, ich heiratete in Wien, sie in Frankfurt.

 

1999 kam sie nach Wien, im Laufe eines für uns typischen intensiven Gespräches erzählte ich ihr von meinem damaligen Wunsch.

Sie gab mir eine Ohrfeige, fuhr wieder nach Frankfurt, kam aber 14 Tage später mit Koffer und Papagei nach Österreich, zunächst in die Villa ihres Vaters.

Sie sagte, dass sie sich genau an diese Szene im Erkerzimmer erinnern kann (sie war 3 Monate alt) und sie erzählte auch genau, wo ich stand, was mit meiner Erinnerung übereinstimmte.

Und sie erzählte auch, dass sie, als ich herein kam, dachte “Da ist er ja!”

Seitdem liebte sie mich immer, versuchte aber ihr ganzes Leben vor dieser Liebe zu fliehen, besonders als Folge meiner Heirat.

 

2003 zogen wir ins Burgenland und zusammen.

Dorrit ist wahrscheinlich die beste und begabteste Pianistin der Welt. Sie sagt: Es gibt für sie nur die Musik und mich.

Irgendwann bemerkte sie Veränderungen in ihrer rechten Brust.

Eine verwandte Ärztin sagte ihr, das sei Brustkrebs.

Ihre Mutter starb daran und ihre einzige Freundin hatte kurze Zeit vorher auch dieselbe Diagnose. Die Freundin ließ sich operieren und man nahm ihr die Lymphdrüsen heraus. Die Folge war, dass sie ihre Arme nicht frei bewegen konnte.

Das wollte Dorrit keinesfalls, denn dann könnte sie nicht mehr Klavier spielen.

Sie ließ sich also nicht operieren.

2014 wurden die Rückenschmerzen so stark, dass sie es nicht mehr aushielt.

 

Diagnose: beidseitiger Brustkrebs, nicht operierbar, keine Heilungsaussichten, Metastasen in Lunge, Leber und Knochen, mehrfache Serienrippenbrüche, Brüche von 2 Wirbeln ohne Einfluss aber auf das Rückenmark.

 

Wir heirateten 2014 im Sommer, sie lag im Bett.

Es geht ihr jetzt (November 2015) gut.

Und sie ist jetzt dank einer Schmerzpumpe schmerzfrei und auch glücklich.

 

Ja, das wäre es in groben Zügen einmal.

Eine fast unglaubliche Geschichte. Es gibt dazu noch sehr viel zu erzählen, vielleicht einmal in einem Buch.

Einzelfall? Wer weiß, wie eine Liebesgeschichte sonst läuft?

In unserem Fall begann sie so zeitig und Dorrit konnte sich zusätzlich an Dinge “vorher” erinnern.

Sie erzählte mir seit 1999 mehrere Geschichten aus vergangenen Zeiten.

In einem anderen Leben (?) hat sie mich sogar mit einer Lanze erstochen.

Vor einigen Tagen sagte sie mir, dass wir in unserem jetzigen Leben unsere Aufgabe erfüllten, als wir heirateten.

Früher wäre es immer so gewesen, dass sie nie offiziell "den Platz neben mir" einnehmen konnte.

Hört sich seltsam an, aber das waren ihre Worte . . .

(Wolfgang Wallner-F.)


Siehe auch Vorwort zu „Mein Gebetsbuch“

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