Dorrit Maria Hanke
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Leseprobe:
Hilde und Poldi

In einem hübschen Seerosenteich inmitten eines kleinen Dörfchens lebte einst eine Froschkolonie.
Der Kleinste unter den Tierchen war Poldi, ein begeisterter Sänger. Jeden Abend ließen die Frösche ihr lautes Konzert hören. Am meisten machte man Poldi in der Menge aus. Nur leider konnte er nicht singen.

Sein Gequake hörte sich an wie eine alte, heisere Krähe, die kurz vor dem Kollaps steht. Die anderen Frösche versuchten mit Locken und Drohungen, Poldi vom Singen abzuhalten, doch sein Hals schwoll an vor lauter Stolz und so schmetterte er weiterhin sein schreckliches Gequake in die Welt hinaus.
Die Gemeinschaft drängte den Kleinen deshalb immer mehr aus ihrer Mitte, bis er schließlich traurig wurde und die Lust am Singen verlor.

Einsam saß er auf einem Seerosenblatt und ließ seine dünnen Beinchen ins Wasser hängen.
Manche alte Frösche erbarmten sich seiner und sprachen: „Er ist auch einer von uns, wir können ihn doch nicht einfach ausschließen!“
Doch die Mehrheit mochte Poldi wegen seines Gequakes nicht leiden und meinte, diese Ruhestörung hätte man sowieso nicht länger dulden können. Er solle bloß den Mund halten!

Poldi indes ging es immer schlechter. Er beschloss,  seinem kurzen und armseligen Leben ein Ende zu setzen. Vorher wollte er jedoch noch einmal das Liebste tun, was er kannte, nämlich singen, bevor er in den Wald verschwinden und sich am nächsten Baum aufhängen würde.
Er hob voller Inbrunst an zu quaken, so laut er konnte.

Da kam zufällig ein Zwergenmädchen aus dem Wald an den Teich. Es hieß Hilde und war von Geburt an taub. Die Zwergenmaid sah unseren armen Poldi, wie sein Hals ganz groß geschwollen war und in der Sonne glänzte.

„Was für ein schöner Froschjüngling“, dachte sie und stürzte sich gleich ins Wasser, um zu ihm zu gelangen. In ihrer Aufregung jedoch vergaß Hilde, dass sie nicht schwimmen konnte. Wild fuchtelte sie mit ihren kurzen Ärmchen, um nicht zu ertrinken.
Als Poldi sah, wie das Zwergenmädchen um sein Leben kämpfte, warf er sich kurzentschlossen in die Fluten, um die arme Hilde zu retten.

Glücklich kamen sie am Ufer an und der Frosch fragte neugierig: „Schönes Mädchen, wie heißt Du und woher kommst Du?“
Hilde konnte Poldi jedoch nicht hören.
In Gebärdensprache warf sie ihm seltsame Zeichen mit den Händen zu, denn wer so lange nicht hören kann, ist nicht imstande, zu sprechen. Deshalb war sie auch aus dem Walde fortgerannt. Durch ihre Gehörlosigkeit war sie eine Außenseiterin im Zwergenvolk geworden.
Dies konnte Hilde nicht länger ertragen. Doch jetzt, seit sie das Fröschlein kannte, war das kleine Mägdelein ganz verzückt vor Liebe.

Poldi wunderte sich über die seltsamen Zeichen, die das Mädchen von sich gab. Weil sie jedoch so dermaßen lieblich war, schmetterte er gleich nochmals seinen Gesang in höchsten Tönen in die Welt.
Hilde konnte das grässliche Geheule und Gekrächze nicht hören. Sie sah nur, wie sich der Hals des Sängers immer weiter aufblähte und in allen Farben glitzerte und verliebte sich gleich noch viel mehr in Poldi.

Da kam ein verbitterter Frosch daher, der schon viel von der Welt gesehen und gehört hatte und sprach: „Das Mädchen kann Dich nicht hören, darum fuchtelt es so in der Luft herum. Lass sie bleiben, die ist nicht normal!“
Doch Poldi störte sich nicht daran. Wenigstens ist sie nicht auch gegen mich wie die anderen wegen meiner Stimme, dachte Poldi.
So nahm er Hilde an der Hand und brachte sie zu den schönsten Seerosenblättern, auf denen sie sich sonnen durfte.

Er las ihr jeden Wunsch von den Äuglein ab. Überhaupt verständigten sich die beiden mit den Augen, denn wer verliebt ist, kann sich über die Augen unterhalten.

Als die Froschgemeinschaft die Glücklichen sah, verstand sie, dass es Wichtigeres gibt als die Qualität der Stimme.
Die Frösche richteten Hilde und Poldi ein schönes Hochzeitsfest aus und entschuldigten sich damit bei dem jungen Troubadour, der die Feier mit seinem lauten Gesang beglückte.

Fröschlein und Zwerglein lebten noch viele Jahre, mal im Teich und mal im Walde bei den anderen Zwergen.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.
Die Pianistin Dorrit Maria Hanke erkrankte 2014 ernsthaft und unheilbar. Musik spielt sie weiterhin, wenn auch nur mental. In diesem Buch spricht sie über ihre Gedanken und Gefühle